#schwarzwaldhelden: Atacama

Von Inga Mücke

15 März, 2026

Reststoffe als Ausgangspunkt für neue Wertschöpfung: Jeremias Finster von Atacama zeigt im Gespräch, warum Bioökonomie nur funktioniert, wenn Akteure zusammenarbeiten, Stoffströme sichtbar werden und jemand den Prozess steuert – und welche Chancen der Schwarzwald jetzt hat.

Vom Reststoff zum System: Was der Schwarzwald von Schweden lernen kann

Wertschöpfung und resilientere Wirtschaftssysteme. Doch warum gelingt der Aufbau solcher Strukturen in manchen Regionen und in anderen nicht? 
Wir haben mit Jeremias Finster von Atacama gesprochen. Das Unternehmen begleitet Regionen bei der Entwicklung bioökonomischer Strategien und hat unter anderem Projekte in Schweden umgesetzt. Im Gespräch erklärt er, welche Faktoren wirklich entscheidend sind und welche Chancen der Schwarzwald jetzt nutzen kann.

Neugier und Gemeinschaft treiben Transformation. 

jeremias Finster

Ihr habt unter anderem in Schweden bereits mit bioökonomischen Ansätzen gearbeitet. Was war in den Projekten vor Ort euer wichtigstes Learning?

Von Anfang an spürten wir bei den Partnern vor Ort eine große Neugier: Sie wollten ihre Region aktiv weiterentwickeln und die Chancen der Dekarbonisierung und bioökonomischen Ansätze nutzen – auch wenn sie anfangs noch nicht wussten, welche Lösungen konkret zu ihrem lokalen Kontext passen. Besonders im Norden Schwedens spielen dabei die spezifischen klimatischen Bedingungen eine Rolle. Diese Neugier ging einher mit einer beindruckenden Offenheit: Uns als junges Startup, das extra gegründet wurde, um die Gemeinde zu unterstützen, begegneten sie mit Vertrauen. Sie waren offen für unsere Ideen, für das gemeinsame Lernen und dafür, sich selbst ein fundiertes Wissen aufzubauen. Am Ende des Projekts konnten sie unsere Grafiken und Konzepte nicht nur verstehen, sondern auch selbstbewusst mit anderen diskutieren und so weitere Menschen in der Gemeinde überzeugen.

Ein weiterer zentraler Faktor war das Gemeinschaftsgefühl. Die Partner sahen das Projekt nicht als Einzelvorhaben, sondern als Chance, die gesamte Kommune neu aufzustellen. Wichtig war, die traditionelle Industrie – in diesem Fall den Bergbau – nicht zu verdrängen, sondern Synergien aufzuzeigen und sie als Teil des neuen Systems zu integrieren. Sie erkannten, dass es mehr als einzelne Unternehmen oder Personen braucht: Nur das Zusammenspiel verschiedener Akteure kann eine echte Transformation bewirken.

Besonders motivierend war der Spaßfaktor: Die Menschen vor Ort erlebten, wie inspirierend und attraktiv das Thema ist. Sie lernten Neues, entdeckten Potenziale und hatten Freude daran, sich auszutauschen. Das schuf eine positive, ansteckende Dynamik – ein virtuoser Kreislauf aus Recherche, Wissensaustausch und gegenseitiger Motivation.

Was unterscheidet erfolgreiche Bioökonomie-Regionen von solchen, in denen Potenziale zwar erkannt, aber nicht gehoben werden? 

Erfolgreiche Bioökonomie-Regionen unterscheiden sich von anderen vor allem durch zwei zentrale Faktoren: den klaren Willen und starke Motivation zur Umsetzung sowie eine zentrale Koordinationsstelle, die die Komplexität des Prozesses steuert.

1. Wille und Motivation: Warum wird Bioökonomie vorangetrieben? In Regionen, die ihre Potenziale tatsächlich heben, geht es nicht nur um klassische Nachhaltigkeitsziele oder wirtschaftliche Entwicklung. Entscheidend sind konkrete, handfeste Motivationsfaktoren – etwa die regionale Resilienz. In Schweden sehen wir, dass geopolitische Unsicherheiten, wie die Nähe zu Russland und die Abhängigkeit von Importen, die Bioökonomie vorantreiben: Es geht darum, sich auf mögliche Lieferkettenunterbrechungen vorzubereiten und die Versorgung mit Nahrung, Energie und Wasser lokal zu sichern. Solche Faktoren machen das Thema für die Menschen vor Ort nicht zum „Nice-to-have“, sondern zu einer Chance für wirtschaftliche Wertschöpfung und Selbstversorgungsicherheit. Fehlt dieser klare Antrieb, bleibt Bioökonomie oft nur ein theoretisches Konzept.

2. Zentrale Koordinationsstelle: Wer treibt die Umsetzung voran? Bioökonomische Systeme sind komplexer als klassische, lineare Wertschöpfungsketten. Erfolgreiche Regionen verfügen über eine zentrale Anlaufstelle, die Netzwerke aufbaut, Beziehungen pflegt und Know-how bündelt. Ohne diese Koordination drohen Frustration und Stillstand, selbst wenn das Potenzial erkannt wird. Ein Beispiel: In Asturien (Spanien) liegen unsere Analysen zur Kreislaufwirtschaft auf Eis, weil es keine Instanz gibt, die die Ergebnisse in die Gemeinden trägt, Akteure vernetzt und die Umsetzung begleitet. Eine solche Stelle muss nicht nur finanziell, sondern auch fachlich ausgestattet sein, um passende Lösungen zu verstehen, identifizieren und in den lokalen Kontext zu integrieren.

Welche Chancen siehst du für den Schwarzwald? 

Im Schwarzwald sind Neugier und Offenheit für Bioökonomie bereits stark ausgeprägt, doch es fehlt noch an einem holistischen Überblick und zentralen Koordinationsstellen in den Subregionen.

Stärken: Neugier, Offenheit und Naturverbundenheit 
Unsere Gespräche mit Kommunen im Schwarzwald zeigen eine große Neugier und Offenheit für das Thema Bioökonomie. Diese Haltung lässt sich durch die starke Naturverbundenheit der Menschen vor Ort erklären: Nachhaltigkeit und der Umgang mit natürlichen Ressourcen sind hier tief verwurzelt. Kommunen und Städte wie Freiburg nutzen Nachhaltigkeitsthemen bereits als Standortvorteil und wollen ihre regionalen Potenziale gezielt ausbauen.

Ungenutzte Chancen: Fehlender Überblick und Koordination 
Trotz der positiven Grundhaltung fehlt es bisher an einem umfassenden Überblick über die Standortbedingungen und passende bioökonomische Lösungen. Viele Gemeinden kennen die Details ihres eigenen Wirtschaftssystems nicht ausreichend, um Potenziale zu identifizieren. Hier wäre eine Transparenzschaffung der erste Schritt: Welche Ressourcen, Akteure und Synergien gibt es? Welche bioökonomischen Ansätze passen zum lokalen Kontext?

Darauf aufbauend braucht es zentrale Koordinationsstellen für jede Subregion (z.B. Landkreis), die diese Potenziale systematisch erschließen. Diese Stellen sollten nicht nur die Analyse vorantreiben, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen Stakeholdern fördern.

Welche Rolle spielen Reststoffe und industrielle Nebenströme? 

Reststoffe und industrielle Nebenströme sind in unseren Projekten oft der Ausgangspunkt für zirkuläre Bioökonomie-Lösungen – wie etwa in Gällivare, Schweden, wo Abwärme und Sauerstoff aus der Wasserstoffproduktion den Anstoß gaben.

Identifikation von Potenzialen: 
Der erste Schritt ist immer die Analyse der vorhandenen Stoffströme: Welche Nebenprodukte oder Reststoffe fallen in der Region an? In Gällivare waren es die ungenutzte Abwärme und der Sauerstoff aus der Elektrolyse, die sonst einfach „verpufft“ wären. Daneben prüfen wir, welche natürlichen Ressourcen und industriellen Prozesse bereits vor Ort existieren. Ausschlaggebend ist, dass die verfügbaren Inputs die passenden Bioökonomie-Anwendungen bestimmen: Je mehr der benötigten Rohstoffe lokal vorhanden sind, desto besser passen die Lösungen in den regionalen Kontext – besonders wichtig bei verderblichen Produkten, die sich schlecht über weite Strecken transportieren lassen.

Überführung in Wertschöpfung: 
Sobald passende Ansätze identifiziert sind, geht es darum, praktische Partnerschaften aufzubauen – sowohl mit lokalen Akteuren, die Synergien nutzen können, als auch mit externen Lösungsanbietern (z.B. für Insektenzucht) die nicht überall vor Ort sind. Entscheidend ist, dass zirkuläre Systeme nur im Verbund funktionieren: Einzelne Bausteine lassen sich nicht isoliert betrachten, sondern müssen als Ökosystem gedacht werden. In Schweden haben wir etwa ein geschlossenes System aus Gewächshausanbau, Aquakultur und Insektenzucht gestaltet, das sich gegenseitig bedingt: Die Aquakultur liefert nährstoffreiches Abwasser als Dünger für das Gemüse, während das Gewächshaus (direkt oder über die Verwertung durch Insekten) Futter für die Aquakultur produziert. Es war eine Bestätigung für uns zu sehen, dass an anderen Standorten mit vergleichbaren Plänen zur Wasserstoffproduktion, wie z.B. in Italien, der selbe Ökosystemansatz entsteht.

Erfolgreiche Regionen haben einen klaren Antrieb. Und Nebenströme sind oft der Ausgangspunkt.

Jeremias Finster

Was braucht es, damit Unternehmen, Forschung und Kommunen gemeinsam ins Handeln kommen?

Damit Unternehmen, Forschung und Kommunen in der Bioökonomie wirklich gemeinsam ins Handeln kommen, braucht es drei zentrale Elemente: eine gemeinsame Vision und Motivation, ein klares Bewusstsein für die individuellen und kollektiven Mehrwerte – und einen gut gestalteten, partizipativen Prozess.

1. Gemeinschaftliche Motivation und Vision 
Zunächst muss eine geteilte Überzeugung entstehen, warum das Thema gemeinsam angegangen werden soll. Entscheidend ist, dass alle Akteure nicht nur die allgemeinen Vorteile (ökologisch, sozial, ökonomisch) erkennen, sondern auch ihren eigenen, konkreten Mehrwert sehen. Solange dieser langfristige Nutzen nicht klar ist, fehlt oft die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Hier hilft ein Mindset, das von Neugier, Offenheit und sogar Freude an der gemeinsamen Arbeit geprägt ist – ähnlich wie in Schweden, wo das Thema als inspirierende, gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird. Dieser positive, fast „ansteckende“ Ansatz schafft einen virtuosen Kreislauf aus Begeisterung und Motivation.

2. Individuelle Mehrwerte sichtbar machen 
Jeder Akteur – ob Unternehmen, Forschungseinrichtung oder Kommune – muss verstehen, was sie selbst davon haben: Sei es durch neue Geschäftsmodelle, Forschungsfragen, Arbeitsplätze, Standortattraktivität oder gesellschaftliche Anerkennung. Erst wenn diese individuellen Vorteile klar sind, entsteht die Bereitschaft, Ressourcen und Know-how einzubringen.

3. Prozessgestaltung: Koordination und Partizipation 
Sobald die gemeinsame Vision steht, geht es um die praktische Umsetzung:

Top-down und Bottom-up verbinden: Erfolgreiche Prozesse kombinieren strategische Entscheidungen von Politik und Wirtschaft mit der aktiven Mitgestaltung der lokalen Bevölkerung. Wenn Bürger:innen, also Fachkräfte und mögliche Kunden, die Entwicklung mit tragen, entsteht nicht nur Akzeptanz, sondern auch das nötige Momentum für langfristigen Erfolg.

Raum für Austausch schaffen: Regelmäßige Formate, in denen Akteure sich kennenlernen, Potenziale identifizieren und Partnerschaften bilden können.

Hindernisse gemeinsam überwinden: Komplexe Lösungen erfordern oft neues Verständnis – hier helfen Demonstrationsprojekte, Pilotvorhaben und gemeinsames Lernen.

Der Anfang ist entscheidend: Wie könnte der Schwarzwald in fünf Jahren aussehen? 

In fünf Jahren könnte der Schwarzwald als eine Region zurückblicken, die den Grundstein für eine echte bioökonomische Entwicklung gelegt hat – mit klaren Fortschritten, aber auch dem Bewusstsein, dass der Prozess gerade erst beginnt.

Realistisch und ambitioniert wäre folgendes Bild: 
In den meisten Teilen der Region ist Transparenz und Wissen über bioökonomische Ansätze geschaffen: Es gibt eine gemeinsame Vision und erste Koordinationsstellen, die den Prozess steuern. Die Akteure – Kommunen, Unternehmen, Forschung – haben sich auf den Weg gemacht, gemeinsam Potenziale zu identifizieren und erste Schritte umzusetzen.

Konkrete Fortschritte:

  • Pilot- und Demonstrationsprojekte sind in verschiedenen Subregionen gestartet – etwa zur Nutzung von Reststoffen, lokalen Kreisläufen oder neuen Wertschöpfungsketten. Diese Projekte sind noch begrenzt in ihrer Größe, aber sie liefern wichtige Erfahrungswerte und zeigen: Bioökonomie funktioniert im Schwarzwald.
  • Erste kleine, wirtschaftlich tragfähige Lösungen sind etabliert, die schrittweise ausgebaut werden können. Dabei wird bewusst auf skalierbare Technologien gesetzt: Was sich bewährt, kann später durch größere, effizientere Systeme ersetzt werden – während die bewährten kleineren Lösungen an andere Standorte in der Region transferiert werden.
  • Erfahrungsaustausch und Netzwerke sind gewachsen. Die Region hat gelernt, Wissen und Best Practices zu teilen, was den Aufbau weiterer lokaler Kreisläufe beschleunigt.

Dynamik für die Zukunft: Nach dieser Anfangsphase – vergleichbar mit dem langsamen Start einer natürlichen Wachstumskurve – ist die Region bereit für eine exponentielle Entwicklung. Die ersten fünf Jahre haben Klarheit, Momentum und Vertrauen geschaffen. Die gesammelten Erfahrungen ermöglichen es, in den folgenden Jahren schneller und gezielter zu handeln: aus Pilotprojekten werden größere Ökosysteme, aus Einzelinitiativen vernetzte Wertschöpfungsketten.